< „Rheinland-Pfalz wird Ausbildungsplätze verlieren“
06.09.2016

"Wer schiebt uns später mal den Rollstuhl?"

Landtagsabgeordneter Manuel Hagel hört im Servicehaus Sonnenhalde vom akuten Mangel an Pflegekräften


In Deutschland fehlen 100 000 Pflegekräfte. Auch das Servicehaus Sonnenhalde sucht Personal im Pflegesektor. Doch woher nehmen? Der deutsche Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Der Fachkräftemangel im Pflegebereich ist das zentrale Thema gewesen bei einem Besuch des Landtagsabgeordneten Manuel Hagel (CDU) im Servicehaus Sonnenhalde in Westerheim. Derzeit werden hier 65 Menschen in Kurz- oder Langzeitpflege betreut.

"Uns brennt der Kittel von zwei Seiten", meinte Thomas Sowoidnich, Heimleiter seit November 2015 im Westerheimer Pflegeheim. Er verwies auf die demographische Entwicklung in Deutschland mit immer mehr pflegebedürftigen Menschen und auf den gleichzeitigen Fachkräftemangel. Hinzukomme, dass immer weniger Jugendliche eine Ausbildung im Pflegesektor anstreben. "Wir suchen händeringend Auszubildende", unterstrich Sowoidnich. Doch die Resonanz trotz intensiver Suche und Werbung sei mager.

Erschwerend in dem Dilemma wäre zudem die von der Politik geplante generalisierte Ausbildung bei Krankenschwestern und Pflegekräften mit dem Ziel eines einheitlichen Abschlusses, erklärten Thomas Sowoidnich wie Stefan Kraft, Leiter der Landesgeschäftsstelle in Stuttgart vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Sie sagten auch warum: Da komme ein zusätzlicher Wettbewerb und Kampf um das Personal in allen pflegenden Berufen auf, sei es in Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Kliniken. Und da hätten die Pflegeheime wohl das Nachsehen, vermuten Sowoidnich und auch Kraft.

"Wir waren noch nie für die generalisierte Ausbildung", betonte Stefan Kraft mit der Frage, warum bei allen Studiengängen und vielen Lehrberufen eine Spezialisierung angestrebt werde und die Politik ausgerechnet auf dem Gebiet der Pflege eine Generalisierung wolle. Dies sei für ihn nicht nachvollziehbar. "Wieso will man ohne Not den alten Pflegeberuf abschaffen?", fragte der Leiter der bpa-Geschäftsstelle die Runde. Zudem warnte er vor dem immer umfangreicheren bürokratischen Aufwand, der von den Pflegekräften zu erbringen sei. Und der auf Kosten der Betreuung kranker Menschen gehe.

Pflegekräfte aus Osteuropa, fragte Sowoidnich angesichts des Fachkräftemangels. Das Servicehaus Sonnenhalde in Westerheim greife inzwischen auf rumänische, bosnische und ungarische Kräfte und wohl bald auch auf chinesische zurück; allerdings mit dem großen Nachteil, dass die Frauen kaum Deutsch sprechen und sich mit den Heimbewohnern so gut wie nicht unterhalten könnten. Erschwerend bei den "Klimmzügen nach Pflegepersonal" komme hinzu, dass der schlechte öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum die Pflegekräfte zwinge, vor Ort zu wohnen. Und in Westerheim und der Region sei es äußerst schwierig, eine Wohnung zu kriegen.

Das Einstiegsgehalt von 2400 Euro brutto für qualifizierte Pflegekräfte sei recht ordentlich, legten Kraft und Sowoidnich dar und deshalb der Beruf in finanzieller Hinsicht auch nicht uninteressant. Doch die Gesellschaft schätze noch nicht ausreichend die Leistungen des Pflegepersonals, das weit mehr leiste, als die Menschen zu waschen, zu "lagern" und ihnen Essen zu gehen. Das Personal sei auch da für die Seelenpflege und medizinische Handhabung.

"Die Pflege von Menschen muss mehr in den Fokus der Politik rücken", forderte Kraft. Sie müsse angesichts der demographischen Entwicklung mit steigendem Pflegebedarf die richtigen Weichen stellen, bevor das deutsche Pflegesystem vor dem Kollaps stehe. Man brauche eine zukunftsfeste pflegerische Versorgung im Land.

Diese Warnungen nahm der Landtagsabgeordnete Manuel Hagel mit auf den Weg und bescheinigte allen Pflegekräften seine "Hochachtung" vor ihrer wertvollen und wichtigen Arbeit. Bei allem betriebswirtschaftlichen Denken und Handeln dürfe der Mensch nicht zu kurz kommen, betonte Hagel. Der pflegebedürftige Mensch dürfe nicht das Opfer der Kostenfaktoren werden. Er wisse sehr wohl, dass die Pflegekräfte "unter Volldampf arbeiten".

Der Aussprache zu Mangel an Lehr- und Pflegekräften vorausgegangen war eine Führung durch das Servicehaus Sonnenhalde an der Donnstetter Straße in Westerheim. Die Gäste begleiteten neben Heimleiter Thomas Sowoidnich auch Pflegedienstleiterin Petra Köhl sowie Sibylle Kallähn und Sarah Goldhammer. 65 der 72 Plätze seien belegt, die zu pflegenden Menschen würden aus vielen Gemeinden weit über Westerheim hinaus herkommen und dürften gerne "ihren emotionalen Koffer mitbringen". Das sei für die Menschen sogar sehr wichtig.

Auch ein "Snoezelen-Zimmer"

Pflegedienstleiterin Petra Köhl erläuterte den täglichen Ablauf, stellte die Angebote und die Aktiv-Programme des Heimes vor, aber auch die Konzeption das Qualitäts-Fundaments mit vielen Bausteinen, auf dem die Betreuung basiere. Sie zeigte Zimmer wie auch Versammlungsräume in den vier Stockwerken, aber auch das neue "Snoezelen-Zimmer", bei dem verschiedene Sinneswahrnehmungen angeregt werden sollen.

Einen Wunsch äußerte Petra Köhl noch an die Kirchengemeinden Westerheims, doch mehr Gottesdienste den pflegebedürftigen Menschen zu bieten. Die seien den älteren Menschen sehr wichtig. Bei dem Rundgang hatte Thomas Sowoidnich noch einige Zahlen parat: 80 Prozent der Pflegekräfte in Deutschland seien Frauen und diese würden im Schnitt gerade mal fünf Jahre ihren Beruf ausüben. Im Westerheimer Servicehaus sind etwa 25 Vollzeit-Pflegestellen vorhanden, verteilt auf rund 35 Köpfe. Hinzu kommen Beschäftige in der Hauswirtschaft sowie in der Verwaltung, so dass rund 50 Personen angestellt sind.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa) bildet mit mehr als 9000 aktiven Mitgliedseinrichtungen (davon über 1000 in Baden-Württemberg) die größte Interessenvertretung privater Anbieter sozialer Dienstleistungen in Deutschland. Einrichtungen der ambulanten und (teil-)stationären Pflege, der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendhilfe in privater Trägerschaft sind im bpa organisiert. Die Mitglieder des bpa tragen die Verantwortung für rund 275 000 Arbeitsplätze und etwa 21 000 Ausbildungsplätze.

(Quelle: Schwäbische Zeitung, Alb-Donau vom 26.08.2016, Seite 17)