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23.10.2013

Bremer Pflegeinitiative gegen den Fachkräftemangel

Senatorin Stahmann kündigt zusätzliche Ausbildungsplätze an


Bremen will die Zahl der Ausbildungsplätze in der Altenpflege nochmals deutlich aufstocken. Das kündigte Sozialsenatorin Anja Stahmann heute (Mittwoch, 23. Oktober 2013) bei einer Fachveranstaltung der "Bremer Pflegeinitiative gegen den Fachkräftemangel" an. "Wir werden die finanziellen Grundlagen dafür schaffen, dass die Altenpflegeschulen im kommenden Jahr 120 Menschen zur Altenpflegerin oder zum Altenpfleger ausbilden können", erklärte sie vor rund 100 Fachkräften im Haus der Wissenschaft. Derzeit finanziere das Land rund 80 Plätze, im Jahr 2010 waren es 50. Die "Bremer Pflegeinitiative gegen den Fachkräftemangel" wurde im Oktober 2012 gegründet und hat gestern eine erste Zwischenbilanz ihrer Arbeit gezogen.

"Die Gesellschaft altert, und damit steigt auch die Zahl von Pflegebedürftigen", betonte die Senatorin. Bis 2030 werde die Zahl der Pflegebedürftigen im Land Bremen um mindestens 25 bis 30 Prozent auf dann rund 30.000 Menschen zunehmen. Dabei bekommen die Einrichtungen der Altenpflege und der Behindertenhilfe schon heute zunehmend Schwierigkeiten, ausreichend geeignetes Pflegepersonal zu gewinnen. Auch der Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Pflegekräfte in den Krankenhäusern ist sehr angespannt.

Gesundheitssenator Dr. Hermann Schulte-Sasse sagte: "In den letzten Jahren wurden Personalkosteneinsparungen in den Krankenhäusern vorrangig auf dem Rücken der Pflege umgesetzt. Wir brauchen vorgeschriebene Personalmindeststandards, um dieser Spirale zu entrinnen und den Patienten die notwendige Versorgungsqualität weiterhin garantieren zu können. Die modernen Anforderungen an den Pflegeberuf erfordern zudem neue Ausbildungskonzepte. Hier führt der Weg an einer generalistischen Ausbildung nicht vorbei. Bremen wird sich auch in der neuen Legislaturperiode hierfür stark machen."

Zu den Neuerungen seit der Gründung der Pflegeinitiative gehört unter anderem, dass die Altenpflegeausbildung jetzt auch in der ambulanten Pflege stattfinden kann. Daneben hat die Arbeitsagentur mit Infotagen für den Beruf geworben und es gab Werbung für Pflegeberufe in Schulen und Krankenhäusern. Die Arbeitnehmerkammer hat eine Untersuchung des Arbeitsmarktes in der Pflege vorgenommen, und Pflegehelferausbildungen sind arbeitnehmerfreundlicher strukturiert, um die nebenberufliche Qualifikation zu fördern und den Anteil der ungelernten Pflegekräfte zu vermindern.

Zur Entwicklung der Pflegeangebote und des Pflege-Arbeitsmarktes sagte Professor Dr. Heinz Rothgang von der Universität Bremen: "Weil die Rolle der Familienpflege beständig abnimmt, muss die Zahl der Pflegekräfte sogar noch stärker wachsen als die Zahl der Pflegebedürftigen." Der Gesundheitsökonom Rothgang erwartet bei unveränderten Rahmenbedingungen eine Personallücke von 500.000 Vollzeitbeschäftigen in der Langzeitpflege bis zum Jahr 2030. Die Attraktivität des Pflegeberufs lasse sich langfristig nicht allein über Imagekampagnen steigern, sondern nur über harte Faktoren wie Entlohnung, bessere Arbeitsbedingungen durch bessere Personalausstattung sowie eine bessere Finanzausstattung der Pflegeversicherung, um die resultierenden höheren Ausgaben zu finanzieren. Entlastung verspricht er sich auch durch verbesserte Mobilisierung der Zivilgesellschaft und Entlastung der Familien durch aufsuchende Beratung, Begleitung pflegender Angehöriger und bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Generell ist die Personallücke je kleiner, je geringer der Anteil der stationären Pflege ist.

Der Bremer Pflegewissenschaftler Dr. Heiner Friesacher betonte, dass die Gesundheit der Pflegekräfte und eine langjährige Tätigkeit in ihrem erlernten Beruf von großer Bedeutung im Kampf gegen den Mangel an Fachkräften seien. Seine Hauptthese: "Pflegen im Sinne von "Wirklich Pflegen" darf keine Restkategorie sein, sondern muss autonom und professionell erbracht werden können. Diese Arbeit bedarf der Anerkennung und Wertschätzung, auch finanziell." Größere Handlungsspielräume der Pflegenden seien "nur mit größeren Autonomiespielräumen möglich, und das ist eine Frage der Macht." Weiter hob er hervor: "Gesund und gerne im Pflegeberuf zu arbeiten bedarf grundlegender Veränderungen von Rahmenbedingungen. Dazu sind Anstrengungen auf organisatorischer und politischer Ebene notwendig, wie unter anderem eine generalistische Pflegeausbildung, stärkere Orientierung an wissenschaftlich fundierten Pflegekonzepten sowie weniger Fremdbestimmung, Kontrolle und Bürokratie."

Für den Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste und die Landesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege steht fest, dass mit den bisherigen Ergebnissen der Bremer Pflegeinitiative erste konkrete Schritte erreicht worden sind, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die vom Senat bereitzustellenden finanziellen Mittel seien aber zu erhöhen, und eine Aufstockung der personellen Kapazitäten bei den Pflegeeinrichtungen sei unabdingbar. Deshalb begrüßen beide Trägervereinigungen die Ankündigung von Sozialsenatorin Anja Stahmann, die Zahl der Ausbildungsplätze für Bremen und Bremerhaven ab 2014 deutlich zu erhöhen. Vom Jobcenter und von der Agentur für Arbeit forderten sie einen weiteren Ausbau der Umschulungsplätze. Zugleich fordern sie die Finanzierung der Altenpflegeausbildung über ein Umlageverfahren, an dem alle Einrichtungen der Altenpflege beteiligt sein würden – unabhängig davon, ob sie selber ausbilden oder nicht.

Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft, sieht als besondere Herausforderung, die Pflegeberufe für besondere und höhere Qualifikationen zu öffnen, und gleichzeitig den Einstieg auch für gering qualifizierte Bewerber zu ermöglichen. Die hierzu in der Pflegeinitiative verfolgten Ansätze versuchten, beiden Ansätzen gerecht zu werden.

Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, forderte mehr Wertschätzung für die Pflege: "Die Situation der Pflegekräfte muss sich schnell verbessern. Wir brauchen gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne, um die Beschäftigten in der Pflege zu halten und Nachwuchs zu gewinnen."

Die Partner der Pflegeinitiative waren sich darin einig, weiter gemeinsam gegen den Fachkräftemangel angehen zu wollen und die Bündelung ihrer Kräfte zu nutzen. Den Beitritt des Senators für Arbeit zur Pflegeinitiative habe sie ausdrücklich begrüßt. Arbeitsagentur und Jobcenter waren bisher bereits vertreten, mit dem Senator für Arbeit kommt nun auch die Spitze der Arbeitsverwaltung im Land Bremen hinzu.

Die "Bremer Pflegeinitiative gegen den Fachkräftemangel" ist ein Zusammenschluss von rund einem Dutzend Partnern. Vertreten sind der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) und die Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (LAG FW), Altenpflegeschulen und Krankenpflegeschulen, die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe, die Arbeitnehmerkammer, die Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen sowie der Gesundheits- und der Arbeitssenator, das Jobcenter, die Bundesagentur für Arbeit und die Seestadt Bremerhaven. Der Bremer Pflegerat sowie die Kranken- und Pflegekassen arbeiten in Arbeitsgruppen mit. Heute haben die Fachkräfte nun nach dem ersten Jahr eine erste Bilanz gezogen. Aus der Pflegeinitiative haben sich vier Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themenschwerpunkten gebildet: Rahmenbedingungen und Finanzierung, Nachwuchssicherung, Entwicklung & Bildung sowie Werbung.